Zeitungsartikel

Brotlose Kunst

Der Saxofonist Klaus Kreuzeder spielte im Rollstuhl auf großen Bühnen mit Sting und Stevie Wonder – viel verdient
hat er damit nicht. Wegen seiner Gesundheit kann er heute keine Konzerte mehr geben und lebt von Sozialhilfe

Es war ein Geburtstagsfest, er war auf die Bühne in der Philharmonie gerollt, ganz allein saß er da, und dann hat sich das Publikum im Saal erhoben. Ovationen für Klaus Kreuzeder. Der Mann mit dem Saxofon war gerührt und geehrt. Die Stadt München, seine Stadt, feierte mit ihm ihr 850. Gründungsjahr, er wird das nie vergessen, wundervoll.

  Nicht vergessen wird er auch, was ihm die Stadt außer dem Applaus zukommen ließ. Wenig, bemerkenswert wenig. Nur einen Bruchteil dessen, was ein Künstler wie er, einer von Weltrang, sonst an Gage erhält. Schon das ist nicht gerade viel, aber der Stadt, erinnert sich Kreuzeder, sei selbst das noch zu teuer gewesen. Das war drei Jahre, bevor er sein letztes Konzert gab, die Gesundheit lässt es nicht mehr zu.

  Klaus Kreuzeder, 63 Jahre alt, ist abgetreten von der Bühne, aber er ist nicht verstummt. Bloß, dass er heute nicht mehr über seinen nächsten Auftritt redet, sondern darüber, wie es ist, als Mensch mit Behinderung alt zu werden. Er redet jetzt mehr als früher übers Geld, deshalb denkt er auch dran, wie ihn die Stadt vor ein paar Jahren runtergehandelt habe. Nicht dass es ihm heute um die paar hundert Euro von damals ginge, es geht ums Prinzip, wenn er über nicht vorhandenes Geld redet. „Ich bin so frei zu sagen: Ich bin Sozialhilfeempfänger.“

  Mit eineinhalb Jahren ist Klaus Kreuzeder an Kinderlähmung erkrankt. Der Rollstuhl wurde zu etwas Selbstverständlichem für ihn, die beiden sind später zusammen um die Welt gerollt und geflogen. Der junge Klaus sparte hart und leistete sich mit 16 das beste Saxofon, ein Sopran-Saxofon, etwas ganz Seltenes. Das Blasen wirkte wie eine Therapie für seine schwache Atemmuskulatur. Später wollte er nicht werden, was seine Eltern sich gewünscht hätten, im dritten Semester Jura bekam er ein Angebot der fränkischen Musikgruppe Aera, fortan verdiente er als Musiker sein Geld. Er stieg höher und höher, bald gab er mehr als 100 Konzerte im Jahr und trat mit Größen des Showbusiness auf, mit Sting und Gianna Nannini, mit Konstantin Wecker und Udo Lindenberg. Der Rollstuhl war sein Markenzeichen. Wo gibt es den schon auf den großen Bühnen? Und das Geld? „Wenn du von Stevie Wonder auf die Bühne gebeten wirst, fragst du nicht erst nach dem Geld.“

  So kam es, dass Kreuzeder für manch großen Auftritt selbst ordentlich gezahlt hat, für Reisekosten und Hotel. Und so kommt es, dass viele sich darüber wundern, dass dieser Klaus Kreuzeder heute fast kein Geld mehr hat, auch der städtische Kulturreferent oder die Sozialreferentin, die ihn angerufen haben. „Die Öffentlichkeit hat eine völlig falsche Vorstellung davon, was Künstler verdienen.“

  Klar, er ist immer über die Runden gekommen, solange die Gesundheit mitspielte. Kein Saus und Braus, aber es reichte. Und als er 1982 mit seiner Band, deren Geschäftsführer er war, Pleite ging und vom Strudel der finanziellen Verantwortung nach unten gerissen wurde, hatte er eine Idee, wie er sich finanziell aufrappeln kann: Er zog von Unterfranken nach München und ging auf die Straße. Als Straßenmusiker verdiente er so viel wie nie vorher und nie nachher. Weil er sein Verdientes aber nicht auf die hohe Kante legte, sondern in seine Produktionsfirma investierte, und das Geld, das er mit diversen Preisen gewann, hernahm, um Kredite zu tilgen, hat er kein Polster fürs Alter.

  So geht es vielen Menschen mit Behinderung, berichten die, die einen guten Überblick haben. „Fürs Alter vorsorgen ist meistens nicht möglich“, sagt Carola Walla vom Club Behinderter und ihrer Freunde. Wer Hilfe zur Pflege erhält, darf nur 2600 Euro Erspartes haben, zusammen mit seinem Partner nur 3200 Euro. Das ist irgendwann viel zu wenig. Bei vielen Behinderten ist es ohnehin so, dass die Gesellschaft sie mehr behindert als ihr körperliches Handicap: Es beginnt in der Kindheit, wenn man einen sogenannten Behinderten in eine Förderschule schickt. Dann, sagt Walla, sei der weitere Weg meist vorgezeichnet, er führt in eine Behindertenwerkstatt. Wer dort arbeitet, verdient nicht viel. Wer wo anders unterkommen will, hat oft schlechte Karten, weil es nicht genügend Stellen gibt für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen.

  „Behinderung heißt Armut und Diskriminierung“ lautet der Titel einer Broschüre des Behindertenbeirats und des Behindertenbeauftragten der Stadt München. Walla hat mitgeschrieben an dem Papier, es ist eine Streitschrift geworden und ein Appell an die Politik. In Deutschland, in München verwirklicht sich, was auch in der Präambel der UN-Behindertenrechtskonvention steht, dass „die Mehrzahl der Menschen mit Behinderungen in einem Zustand der Armut lebt“. Wer trotz einer Schwerbehinderung einen Job hat, verdiene im Schnitt etwa ein Drittel weniger als Menschen mit einem Behinderungsgrad von weniger als 50 Prozent. Im Alter haben sie erst recht ein erhöhtes Risiko zu verarmen. Sie haben häufig eine brüchige Erwerbsbiografie, können sich oft nur mit Billigjobs über Wasser halten, „die Altersabsicherung bleibt deshalb auf der Strecke“. Zwar fühlt sich Klaus Kreuzeder überhaupt nicht diskriminiert, aber wie viele andere ist er frühzeitig erwerbsunfähig geworden. Mit Polio, der Kinderlähmung, war er groß geworden, sie war schnell kein Problem mehr für ihn. Aber jetzt ist das Post-Polio-Syndrom dazu gekommen, es bewirkt extreme Kurzatmigkeit, seine Lungenmuskulatur schafft es nicht mehr allein, weshalb er jetzt ständig eine Atemmaske tragen muss. Dazu kam dann noch eine Krebserkrankung. Er erlitt Zusammenbrüche, das letzte Mal, als er gerade zusammen mit dem Geiger Michael Schmitt das „Big Bang Orchestra“ gegründet hatte. Vor zwei Jahren, im Oktober 2011, hat Kreuzeder in Brüssel sein letztes Konzert gegeben und sein letztes Geld verdient. Seither sind die Finanzen ein umso größeres Thema. Neulich, im September, haben er und seine Frau festgestellt, dass kein Geld mehr da war. Da war der September erst halb geschafft. „Man muss plötzlich zaubern, um was zum Essen zu haben.“

  Wieder wächst Klaus Kreuzeder die Rolle eines Botschafters zu. Bisher war es die eines Schwerbehinderten, der Karriere macht und rückblickend sagt: „Ich hatte noch nie das Gefühl, vom Schicksal benachteiligt zu sein.“ Jetzt ist es die eines Menschen im Rollstuhl, dem finanziell der Atem ausgeht. Und wieder nimmt Kreuzeder diese Rolle an, schon allein dadurch, dass er über ein Thema spricht, das sonst tabu ist. Seit zwei Jahren lebt er jetzt von Sozialhilfe, seit kurzem bekommt er zudem Erwerbsunfähigkeitsrente, aber das sind auch nur 234 Euro und zusammen gerade mal zwei Drittel seiner Miete. Neulich sei der Eigentümer seiner Wohnung mit einer Mieterhöhung angekommen, gut 80 Euro mehr sollten es sein, 1500 Euro waren nicht mehr genug für die drei Zimmer. Ob er damit nicht ein bisschen warten könne, hat ihn Kreuzeder gefragt. Nein, er sei doch nicht das Sozialamt. Spätestens da wusste Kreuzeder, dass es richtig eng wird. Ja, er würde sogar umziehen, rausgehen aus seiner geliebten Wohnung am Stiglmaierplatz, in der er seit 25 Jahren lebt, die barrierefrei ist und zentral liegt, mit vielen Läden in der Umgebung, in die er ohne fremde Hilfe reinrollen kann. Aber wie soll er umziehen, wenn es praktisch nichts Billigeres gibt? Beim Wohnungsamt hat er Dringlichkeitsstufe eins, aber was nutzt das?

  Also bleibt erst mal nur sparen, sparen, sparen. Er verzichtet auf eine neue Brille, die er dringend bräuchte, und wenn was kaputt geht im Haushalt, bleibt es kaputt. Was für ihn, den Künstler, aber noch bitterer ist: „Ich bin vom kulturellen Leben getrennt.“ Besuche von Konzerten, Theater, Kino oder Museum seien unmöglich. „Niemand kann sich vorstellen, dass man so schnell ins soziale Abseits gerät.“

  Aus diesem Abseits aber will er sich rauskämpfen. Er arbeitet an einer dicken Autobiografie und einer DVD, beide sollen 2015 erscheinen. Er sei als Saxofonist jetzt leider arbeitsunfähig, dafür aber eben Autor, Erzähler, Referent, Motivator. Klaus Kreuzeder wirkt nicht bitter. „Ich hatte ein wahnsinnig schönes Leben, habe die ganze Welt gesehen.“ Und jetzt? „Ich wachse in ein völlig neues Leben rein.“ (SZ, 11.10.2013 von BERND KASTNER)

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