Die Empfänger

Weg mit den Vorurteilen

Das Projekt „zusammenWachsen“ bringt Flüchtlinge mit jungen Münchnern in Kontakt – aber Geld für Ausflüge fehlt. VON PHILIPP KREITER

München – Voneinander lernen statt dem anderen etwas vorzuschreiben, das war die Idee, die Thomas Steingasser, 23, mit einigen Freunden vor zwei Jahren hatte. Damals hatte die Flüchtlingskrise noch nicht das mediale Interesse auf sich gezogen wie später im Spätsommer 2015. Aber „es war schon absehbar, dass sich hier einiges in die falsche Richtung entwickelt und wir haben dann beschlossen, etwas dagegen zu tun“, sagt Thomas. Denn es sei damals häufig üblich gewesen, dass gerade junge Geflüchtete nur materielle Unterstützung erhielten, bei der Integration aber alleine gelassen würden.

  Und genau dort wollten die Studenten ansetzen: Sie organisieren Ausflüge und Aktivitäten mit ausländischen und deutschen jungen Menschen, die zum Ziel haben, dass sich die Leute besser kennen lernen, Freundschaften schließen. „Wir haben die gleichen Interessen, Hobbys und Träume – und wir können auch viel voneinander lernen“, sagt der junge Mann, der an der Ludwig-Maximilians-Universität Physik studiert.

  Daher auch der doppeldeutige Name des Vereins: „zusammenWachsen“. Man soll nicht nur zusammenwachsen im Sinne von eine Einheit werden, sondern auch wachsen, sich weiterentwickeln.

  Zu diesem Zweck arbeitet der Verein eng mit verschiedenen betreuten Wohngemeinschaften von jungen Geflüchteten zusammen, versucht sie mit gleichaltrigen Einheimischen zusammenzubringen. Die Nachfrage von Seiten dieser Gemeinschaften ist mittlerweile so groß, dass Thomas händeringend nach neuen Mitgliedern sucht, weil man sonst einigen absagen müsste. Das will Thomas aber nicht, denn die gemeinsamen Aktivitäten haben schon zu vielen Freundschaften geführt.

  Besonders wichtig ist Thomas ein Punkt: Das Projekt „zusammenWachsen“ richtet sich eben nicht nur an geflüchtete junge Menschen, vielmehr steht der Verein jedem offen. Und so geht er auch explizit auf Leute aus sozial schwachen Familien zu und lädt sie zu Aktivitäten ein. Denn das größte Problem heutzutage sei es, dass Leute zwar nebeneinander lebten, aber nie die Gelegenheit hätten, ernsthaft miteinander ins Gespräch zu kommen. Und dafür sollen der Verein und die gemeinsamen Aktivitäten eine Grundlage bilden. Wer sich näher kennenlernt, baut leichter Vorurteile ab und zwischenmenschliche Beziehungen auf, das ist schön für beide Seiten.

  Doch diese Idee ist immer wieder bedroht, denn es kommt häufig vor, dass Geflüchtete, aber auch Einheimische oder Studenten nicht genug Geld haben, um etwa am gemeinsamen Bowlingabend teilzunehmen. Denn „zusammenWachsen“ kann als Verein nur einen Zuschuss zum Eintrittsgeld oder zur Zugfahrkarte bieten, der Rest muss aus eigener Tasche bezahlt werden: „Leider haben wir nicht immer die Mittel, jedem genug auszuhelfen. Und dann kommt es immer wieder vor, dass Leute an gemeinsamen Aktivitäten nicht teilnehmen können. Wenn wir mehr Mittel hätten, könnten wir vielleicht gewährleisten, dass jeder Interessierte auch wirklich mitmachen kann“, sagt Thomas.

  Zumal einige neue Projekte starten sollen. Der Verein will eine Gruppe nur für junge Frauen aufbauen, die sich auf Grund von traumatischen Fluchterfahrungen zunächst lieber in einer gesonderten Umgebung zurecht finden wollen. Außerdem würden sie gerne Flyer und Plakate drucken, damit noch mehr Geflüchtete von dem Projekt erfahren. Dann hätten viel mehr junge Menschen die Chance zum Wachsen.

SZ vom 28.11.2016

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