SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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28.11.2009

Schicksale, die alle angehen

Immer wieder wecken Schlagzeilen die gleichen Ängste. Herzinfarkt! Schlaganfall! Krebs! Es ist die Angst davor, einemerbarmungslosen
Schicksal ausgeliefert zu sein, die Angst vor dem Unabänderlichen.
Allem medizinischen Fortschritt zum Trotz hat Krankheit nichts
von ihrem Schrecken verloren, weil sich das Leben ihr unterwerfen muss.



Niemand kann sich wirklich sicher wähnen, aber die meisten können gut verdrängen, dass es auch sie treffen kann.
Auch angesichts vieler Berichte über Krankheiten funktioniert das Verdrängen gut. Das liegt wohl daran, dass trotz der bekannten Häufigkeit schwerer Erkrankungen diese nur in der Verbindung mit einem Einzelschicksal bedrohlich wirken. Dagegen hat die Angst vor Arbeitslosigkeit in diesem Jahr viele Menschen erfasst, weil sie als Massenschicksal auftritt, das sich nicht verdrängen lässt: „10 000 Arbeitsplätze in Gefahr“, „1000 Stellen fallen weg“, das sind die Schlagzeilen, die Arbeitnehmer fürchten, weil sie deutlich machen, wie schnell man selbst davon betroffen sein könnte.
Die Angst vor Arbeitslosigkeit und dem schnellen Absturz in die Hartz-IVArmut hat längst die meisten Arbeitnehmer erfasst. Denn treffen, das hat dieses Jahr gezeigt, kann es jeden. Beschäftigte einst stolzer Unternehmen aus der Wirtschaftswunderzeit wie Quelle werden mit der Insolvenz mitgerissen, ähnlich den Mitarbeitern von Chipherstellern, die noch vor kurzem als Zukunftsmotoren galten. Banken wie Zeitungsverlagen wird radikaler Personalabbau verordnet. Hilflos müssen viele Menschen erleben, dass ihr Einsatz nicht mehr gefragt ist. Dabei sind es die Widersprüche, die so wütend machen: Während den einen kein Boden mehr unter den Füßen bleibt, fällt das Management, wenn es denn überhaupt fällt, auf ein weiches Polster.
Für die meisten jedoch bedeuten längere Krankheit und Arbeitslosigkeit Armut, wie die heute beginnenden Reportagen im „Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung“ zeigen. Eltern können sich selten ohne finanzielle Sorgen um ihre kranken und behinderten Kinder kümmern. Alleinerziehende Mütter und Väter bleiben auf einem härteren Arbeitsmarkt oft ohne Chancen. Wie sich das Leben im Alter immer weiter einengt, wenn Gebrechen und Einsamkeit dazukommen und die Rente nicht reicht, schildert die Reportage zum dritten, über das Leben mit Hartz IV berichten Familien zum vierten Advent. In gut vier Wochen beginnt das Europäische Jahr der Bekämpfung von Armut. Fast mutet das an, als hätten sich das ein paar Zyniker in Brüssel ausgedacht. Aber wer die Vorgeschichte kennt, weiß, dass die EU dies beschlossen hat, noch bevor sich das Ausmaß der gesamten Banken- und Wirtschaftskrise erahnen ließ. Angesichts der schon hohen Verschuldung der öffentlichen Haushalte aber sind mehr Lippenbekenntnisse statt konkreter Hilfe zu erwarten. Immer mehr dürfte sich auch die Krankenversicherung hin zu einer bloßen Grundsicherung entwickeln. Langzeitarbeitslose und alte Menschen, die nur über eine kleine Rente verfügen, wissen, was das bedeutet: An allen Ecken und Enden sparen, ein Leben führen, das anderen Angst macht, weil die Aussichten auf eine Änderung zum Besseren so gering sind.
Diesen Menschen zu zeigen, dass ihre Schicksalsschläge uns alle angehen, indem wir ihnen nicht nur Mitleid geben, sondern auch Mitgefühl und etwas von unserer Kraft, dazu ruft der Adventskalender die SZ–Leser auf. Spenden helfen nicht nur in allerschwierigsten Lebenslagen, sondern können viel von der eigenen Angst abbauen, in eine solche Situation zu geraten: Die beste Versicherung gegen Angst und Hoffnungslosigkeit ist die Solidarität.

(SZ vom 28.11.09)