SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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10.12.2007

Adventskalender für gute Werke (II): Über Krankheit und Armut

"Ohne sie hätte ich mir das Leben genommen"

Joachim Z., schwer an Knochenkrebs erkrankt, braucht seine Helferin dringend, doch fehlt ihm das Geld.



Von Sibylle Steinkohl

Die Krankheit hat Joachim Z. dünnhäutig gemacht, im wahren Sinne des Wortes. So verletzbar ist sein Körper geworden, dass immer neue Wunden aufbrechen, bluten und irgendwann zu eitern beginnen. "Kaum ist eine abgeheilt, kommt die nächste", sagt der schwerkranke Mann und zeigt auf ein paar drastische Fotos: Sein Rücken ist von oben bis unten offen, der kahle Schädel übersät von Wunden. "Und jetzt geht’s mit den Ohren los", sagt Herr Z. über seine Qualen.

Die Hände schützt er mit weißen Baumwollhandschuhen, doch benützen kann er sie kaum noch, weil sich die Finger verkrümmen. Die dick mit Verbänden umwickelten Füße tragen ihn schon länger nicht mehr, wegen der Eiterblasen an den Sohlen, aber auch wegen der immensen Schwäche. Die Krebserkrankung hat den 1,80 Meter großen Mann auf weniger als 40 Kilo abmagern lassen.

"Ich habe Angst"

Sachlich und fast emotionslos schildert der 56-Jährige die Geschichte seines Leidens, das 1999 mit der Diagnose Knochenkrebs seinen Anfang genommen hat. Die Knochenmarkspende des Bruders zwei Jahre später hat ihm zwar das Leben gerettet, aber zu einer so heftigen Abstoßungsreaktion geführt, dass Joachim Z. seither nicht nur gegen den Tumor, sondern auch mit seinem kaputten Immunsystem kämpft.

72 Zyklen einer Blutwäsche, bei der das Blut außerhalb des Körpers bestrahlt wird, hat er hinter sich. In diesem Sommer geschah es dann, dass der Kranke genug hatte von seinem geschundenen Körper und vom Leben überhaupt. "Beim schönsten Sonnenschein bin ich im Bett gelegen", erzählt Herr Z., der bei allen täglichen Verrichtungen Hilfe braucht - aber der Pflegedienst sieht nur einmal täglich für eine Stunde nach ihm.

"Ohne die Frau H. hätte ich mir das Leben genommen", sagt Joachim Z. und lächelt ein bisschen in Richtung der kleinen Frau, die ihn nun seit einigen Monaten versorgt, ohne auf die Uhr zu sehen, mindestens zwölf Stunden am Tag und an den Wochenenden auch. Sie pflegt ihn, gibt ihm alle vier Stunden Morphiumtropfen, stellt ihm ein Fläschchen Astronautennahrung hin, betupft eine blutende Stelle am Hals mit Penatencreme, wechselt die Laken, wäscht, putzt.

"Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind", erinnert sich der Münchner an die erste Ausfahrt im Rollstuhl, nachdem er so lange ans Bett gefesselt war. Gern hätte er Frau H. ins Café eingeladen an jenem sonnigen Glückstag. Doch das kann sich der geschiedene ehemalige Maler und Lackierer, der mit 347 Euro Grundsicherung auskommen muss, nicht leisten: "Da haben wir uns ein Steckerleis gekauft."

Karin H. spricht nicht viel darüber, was ihr Einsatz in Euro und Cent wert ist. Joachim Z. freilich macht sich darüber oft Gedanken, düstere und schwere. Er kann ihr nur 322 Euro im Monat bezahlen, den Betrag, der ihm nach Abzug der Leistung für die Behandlungspflege des ambulanten Dienstes vom Pflegegeld übrigbleibt. Von dieser Summe kauft sich seine Betreuerin auch noch ihre Fahrkarte von Dachau nach Laim. "Ich habe Angst, dass die Frau H. nicht mehr kommen kann", sagt Herr Z., denn die verwitwete Frau erhält selber nur eine kleine Rente und muss dazuverdienen. Wie viel Lohn würde sie denn benötigen? "Ungefähr 500 Euro", antwortet Frau H. 500 Euro für 320 Stunden Pflege.

50 Euro muss Z. im Monat für Medikamente, Salben und Cremes ausgeben, die von der Kasse nicht erstattet werden. Unten hat er die Zahnprothese schon entfernt, oben wackelt sie, doch an einen passenden Ersatz ist nicht zu denken, genauso wenig wie an warme Kleidung, die nicht um den ausgemergelten Leib schlottert. Doch Jammern gilt nicht, findet Joachim Z.: "Ich kann auf alles verzichten, nur nicht auf die Frau H."

Krankheit und Armut bedingen nun einander. "Die Leistungen, die kranke und pflegebedürftige Menschen brauchen, sind längst nicht alle abgesichert", sagt Norbert Huber, Geschäftsführer der Caritas-Zentren in München. Früher hätten die Ärmeren über die Sozialhilfe noch Sonderaufwendungen geltend machen können. "Doch die sind per Gesetz abgeschafft worden", kritisiert Huber.

Lähmendes Trauma

Nicht jede Krankheit lässt sich mit Röntgen- und Computerbildern schwarz auf weiß darstellen. Die Ursache für Saniab R.’s Erkrankung ist wohl im dunkelsten Winkel ihrer Seele verborgen, einem Ort, in den bisher kein Arzt vorzudringen vermochte. Die 42-Jährige ist vor mehr als sechs Jahren unter dramatischen Umständen mit ihrem Mann und den beiden Töchtern aus dem Irak geflohen. Fort von einem Regime, das Vater und Schwager ermorden ließ, fort aber auch von einem Oberschichten-Leben mit Haus, Personal und akademischem Beruf.

Hassan R., der Ehemann, schildert ausführlich, was den Seinen widerfahren ist, erst dort und dann hier, in der Ein-Zimmer-Unterkunft, die bis Anfang 2005 die Bleibe der Familie war. Dazu bietet er selbstgebackene Dattelplätzchen und gefüllte Weinblätter an.


Nebenan liegt Frau R. im Bett, auf die Seite gedreht, die Augen geschlossen. Auf den Versuch des dreieinhalbjährigen Said, ihr einen Keks in den Mund zu stecken, reagiert sie kaum. Herr R. muss sie halten, ihren Kopf aus dem Kissen heben und sie füttern. Die linke Hand presst sie verkrampft an sich, die ganze Körperhälfte ist gelähmt. Hassan R. muss seine bettlägrige Frau waschen, anziehen und auf die Toilette bringen. Sie braucht ihn immer, ist komplett auf seine Betreuung angewiesen - doch die Pflegekasse zahlt bisher nichts. Weil sich keine Erklärung für ihren Zustand finden lässt, weil noch nicht alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft seien.

Alles deutet auf ein schweres Trauma hin. Nun bringt ihr Mann die Kranke alle zwei Wochen zu einem arabisch sprechenden Psychotherapeuten in einem entfernten Teil der Stadt. Da muss Hassan R., der seine Frau und die drei Kinder allein versorgt und momentan Arbeitslosengeld II bekommt, oft ein Taxi nehmen. Weil Saniab R., wenn überhaupt, nur eine Zeitlang im bequemen, gepolsterten Rollstuhl sitzen kann, ist die lange Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu schaffen. Doch ein Taxi ist eigentlich viel zu teuer.

Die Kinder, artige Mädchen, die viel im Haushalt helfen, und der wilde kleine Bruder, kommen zu kurz, auch wenn Hassan R. ein verantwortungsvoller Vater ist. "Meine Frau ist krank, das macht die Familie krank", sagt er und bedauert, seinen Kindern keinen Wunsch erfüllen zu können, nicht die heiß ersehnten Fahrräder, nicht den Internetanschluss. Am Ende sitzen alle an Saniab R.s Bett, und sie erzählt plötzlich, wie ihre Lähmung begonnen hat, vor Jahren, nachts in der Unterkunft für Asylbewerber. Reizend ist sie, hübsch und intelligent. Am liebsten würden sie alle einmal in die Berge fahren, sagt Hassan R., vielleicht, so hofft er, lässt eine schöne Umgebung seine Frau wieder mehr am Leben teilhaben. Alle wünschen sich nichts mehr als das.

(SZ vom 08.12.2007)