Die Empfänger

Neue Hoffnung

Die Syrerin Raghad wurde von einer Bombe verletzt, Mutter und Bruder trugen sie bis nach Deutschland. Sie braucht einen Arzt. Marie leidet an Mukoviszidose, ihr würde eine größere Wohnung gut tun. VON MONIKA MAIER-ALBANG

Es fällt Raghad bis heute nicht leicht, zu erzählen, was da passiert ist an diesem Tag, der ihr Leben verändern sollte. Sie war draußen auf der Straße, es war Bayram, das Zuckerfest. „Ich lief mit meinen Freundinnen herum. Wir waren vielleicht 20 Kinder.“ Die Bombe muss in ihrer Nähe explodiert sein. Raghad kann sich an die Detonation nicht erinnern. Nur an den Moment, als sie das Bewusstsein wiedererlangte. „Ich habe die anderen gesehen, wie sie dalagen. Ein Mädchen hatte nur noch ein Auge. Eines keine Füße mehr.“ Es kamen Männer, die das Mädchen hochhoben. Sie hat verschwommene Bilder vor ihrem inneren Auge, wie sie in ein Auto gelegt wird. Zwischen die Leichen ihrer Freundinnen.

Was sie später erst erfuhr: Nur drei der Kinder überlebten den Anschlag, Raghad war eine davon. Allerdings merkten die Helfer anfangs nicht, dass das Mädchen noch am Leben war. Sie konnte nicht sprechen, stand wohl unter Schock. Auch im Krankenhaus muss Chaos geherrscht haben an diesem Tag, der knapp drei Jahre zurückliegt. „Es gab schon fast keine Ärzte mehr“, ergänzt der Übersetzer Raghads Erzählung; er stammt wie sie aus Syrien. „Die einen flohen vor Assads Regime, die anderen vor den Islamisten. Und wer es nicht schaffte, wurde ermordet.“ Wann immer es also einen Anschlag gab, kümmerten sich vor allem freiwillige Helfer um die Verletzten – und um die Toten. Im Krankenhaus kam Raghad in den Raum, in dem die Leichen abgelegt werden. „Bei uns war es zu der Zeit üblich, dass Freiwillige kommen und Tote mitnehmen, um sie in ihrem Garten zu begraben“, erzählt Raghads Mutter, Ahida M.. Nach muslimischer Sitte soll der Verstorbene rasch, möglichst noch am selben Tag, beigesetzt werden. Man mag sich das nicht ausmalen: wie Ragad dalag, hörte, wie man über sie sprach und nicht auf sich aufmerksam machen konnte. Ihr Körper war starr, sie unfähig zu sprechen. Irgendwann kam ein Sanitäter und sah sich das Mädchen noch einmal gründlich an. „Da haben sie gemerkt, dass ich noch lebe. Und sie haben mich mitgenommen zur Behandlung.“

Die Behandlung allerdings war, wie es im Krieg nunmal so ist, eine notdürftige. Raghad kann seit jenem Tag nicht mehr laufen, sie deutet auf den Bauchnabel: „Ab da spüre ich nichts mehr“, sagt die Zwölfjährige – schon in ganz passablem Deutsch. Das Loch in ihrem Rücken hat man zugemacht. Vermutlich stecken bis heute Splitter in ihrem Körper; Raghad sagt, sie habe manchmal stechende Schmerzen, „als ob ein Messer auf den Knochen drückt“. Niemand kann bislang sagen, was genau ihr fehlt – all die Jahre gab es keine Möglichkeit für eine eingehende Untersuchung. Idlib, jene Stadt in der Nähe von Aleppo, aus der die Familie stammt, ist bis heute umkämpft. Raghad, die meisten ihrer Geschwister und ihre Mutter sind erst seit ein paar Monaten in Bayern, in München sind sie in einer staatlichen Unterkunft untergebracht; Betreuer der Inneren Mission kümmern sich um die Familie.

Was Raghad bräuchte, sagen die Helfer, wären zunächst ein paar Stunden Physiotherapie, damit sie ihren Körper wieder richtig spüren kann. Ihre Muskeln sind versteift, die Sehnen verkürzt, an den Füßen drehen sich die Zehen nach oben. Die Helfer würden deshalb auch gern Spezialschuhe für Raghad anfertigen lassen, in normales Schuhwerk passen ihre Füße nicht. Momentan trägt sie, wenn es kalt wird, ein paar Socken übereinander. Raghads Hoffnung ist, wieder laufen zu können. Sie hat ein Attest aus der Heimat mitgebracht, demzufolge eine Möglichkeit besteht, dass sie wieder gesund wird. Die Helfer wollen aber nicht zu große Hoffnungen wecken – keiner weiß, was genau ihr fehlt. In Deutschland war sie noch bei keinem Arzt.

Und noch etwas treibt Raghad um. „Ich hätte so gern meine Brüder hier“, sagt sie. Die Familie ist groß, Raghad hat elf Geschwister. Zwei der älteren Brüder leben in Norddeutschland, ebenfalls in einer Unterkunft. Als die Familie aus Syrien aufbrach, war Winter, erzählt Ahida M.. Auf den Bergen lag so viel Schnee, dass die Eltern mit den kleinen Kindern umkehren mussten, die älteren Söhne aber schickten sie weiter. Sie kamen bis nach Deutschland. Da sie nach dem Gesetz als erwachsen gelten, läuft ein Asylverfahren. Ohne anwaltliche Hilfe, vermuten die Helfer, werde die Familie noch lange getrennt leben müssen. Aber selbst einen wohlwollend abrechnenden Anwalt kann sich Ahida M. nicht leisten. Die Mutter könnte die Hilfe der Söhne gut gebrauchen. Sie ist allein mit den Kindern. Ihr Mann starb in Syrien. „Er hatte einen Herzinfarkt“, erzählt Ahida M. Es war wohl alles zu viel für ihn.

Ahida M. hat trotzdem nicht aufgegeben, hat sich mit ihren Kindern allein nach Deutschland durchgeschlagen. Ein älterer Bruder und die Mutter haben Raghad auf einer Trage liegend bis nach Deutschland getragen. Nach Griechenland sind sie in einem kleinen Boot übergesetzt, Ahida M. gab den Schleusern dafür ihren Schmuck, auch ihren Verlobungsring. „Das war ein Blitz in meinem Herzen“, sagt sie. Beim ersten Versuch ging das Schiff unter. „Zum Glück waren wir nur zehn Meter vom Ufer entfernt“, erzählt Ahida M., alle Kinder haben es unversehrt an Land geschafft. Ob sie um die Gefahr wusste? „Ja“, sagt die Mutter, „das war mir klar.“ Aber in der Türkei habe sie nicht bleiben können, „es gibt dort keine Hilfe für Raghad“.

In Sorge um ihre Tochter ist auch Ivonne H. – und das praktisch seit der Geburt von Marie. „Sie war ja schon mit vier Monaten ständig im Krankenhaus“, erzählt Ivonne H., „meist wegen einer Lungenentzündung“. Marie ist vier Monate alt, als die Mutter die Diagnose bekommt: Ihre kleine Tochter hat Mukoviszidose.

Marie ist heute acht, und wenn man sie erzählen hört, wirkt sie wie eine Expertin für ihre Krankheit. „Mein Bauch muss immer weich sein. Wenn er hart wird, geht es mir bald schlecht. Wenn ich Pizza oder Eis gegessen habe, darf ich die Tabletten nicht vergessen.“ Marie weiß, dass ihr Wohlbefinden von Medikamenten abhängt; die Tabletten mit Enzymen, die helfen, das Fett in den Lebensmitteln abzubauen, trägt sie in einer kleinen Tupperbox immer bei sich – in der Schule, und natürlich auch, wenn sie, wie heute am Abend, noch zum Übernachten zu einer Freundin darf. „Sie ist da sehr gewissenhaft“, sagt die Mutter, aber natürlich ist die Krankheit auch für Ivonne H. ein ständiger Begleiter. Vor allem jetzt im Herbst, wenn es an manchen Tag kalt ist und dann wieder feuchtwarm, ist Marie anfällig für Atemwegserkrankungen. Und bei ihr ist es dann halt nicht einfach ein Schnupfen, der nach ein paar Tagen, einem Erkältungsbad und Tee wieder vergeht. „Wir könnten den ganzen Herbst durch Antibiotika nehmen“, sagt die Mutter. „Aber ich versuche lieber, vorzubeugen.“ Vor einiger Zeit hat sie Fahrstunden genommen. Der Fahrlehrer, erzählt Ivonne H., habe bei der Erwähnung der Stoffwechselkrankheit gleich davon berichtet, dass seine Nichte an derselben Krankheit litt. Und dass sie mit 17 starb. „Das sind immer die besten Erzählungen“, sagt die Mutter sarkastisch.

Die Lebenserwartung von Mukoviszidose-Patienten ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, im Schnitt liegt sie bei 40 Jahren. Aber was sagt schon der Schnitt? „Mein Ziel ist es, dass ich Marie groß bekomme“, sagt Ivonne H.

Ihre Mutter wünscht sich für Marie ein Leben, so normal wie möglich ist – auch wenn es kein unbeschwertes sein kann. Mit drei Kindern über die Runden zu kommen, ist an sich schon nicht leicht, wenn man wenig Geld hat. Ein schwerkrankes Kind aber braucht nicht nur mehr Aufmerksamkeit, es gibt vieles, das Marie gut täte, das Ivonne H. sich aber nicht leisten kann: einen Urlaub an der Nordsee etwa. Nach Amrum würde sie gerne fahren, am Strand mit Marie gehen, in der rauen Luft. Inhalieren gehört für ihre Tochter ja zum Alltag. „Da sitzen Schleimmäuse in der Lunge. Man muss versuchen, die hochzubekommen. Deshalb das Inhalieren“, erklärt Marie. Sport macht sie gern, „ich darf mich nur nicht zu sehr anstrengen. Und dabei sprechen, ist auch nicht gut.“

Eine größere Wohnung, das wünschen sich Marie und ihre Mutter am meisten – die beiden Brüder von Marie teilen sich ein Zimmer, Marie hat ihren Raum, Ivonne H. würde den gern so gestalten, dass Marie ihrem Bewegungsdrang darin mehr nachkommen kann. Marie würde auch gern in einem Fußballverein spielen, sie mag Seilhüpfen und liebt es, im Sportunterricht Rad zu schlagen. Eine Sprossenwand im Zimmer, denkt die Mutter, würde ihr Freude bereiten.

SZ vom 26.11.2016

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