Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Ein Foto seines Vaters besitzt er nicht, nur eine Zeichnung. Marjan S. (Name geändert) blickt auf sein schwarz glänzendes Handy. Das Display zeigt einen breiten Bilderrahmen, seine Oberfläche ist mit barocken Ornamenten verziert. Darin liegt das Porträt eines Mannes, etwa 30 Jahre alt, mit dunklen Haaren und gestutztem Bart.
Sein Blick ist fest, das Kinn gerade. „Es ist in meinem Kopf“, sagt Marjan: „Ich habe gesehen, wie er getötet wurde.“ Er legt die Kuppen seiner ausgestreckten Finger an seinen Hals: „Mit einem Messer.“
Leise Loungemusik spielt, Marjan erhebt sich. Er ist 19. Das Haar zu einer klassischen Herrenfrisur gekämmt, trägt er ein grünes Hemd und eine silberne Armbanduhr. Er blickt durch die Glasscheiben des Cafés auf den Münchner Bahnhofsplatz. Anfang des Jahres war er häufig in dieser Gegend, um in einem Hotel am Hauptbahnhof zu putzen.
Marjan hat viele Bewerbungen geschrieben, als er noch in einer Flüchtlingsunterkunft im Gewerbegebiet Moosfeld lebte. Doch weil er noch nicht lange genug in Deutschland lebte, hatte er kaum Chancen. „Nachrangiger Arbeitsmarktzugang“, sagen die Behörden, und meinen: Bevor ein Asylbewerber wie Marjan eine Arbeitsstelle bekommt, muss diese anderen Arbeitssuchenden angeboten werden. Marjan seien deshalb nur „schlechte Jobs“ bewilligt worden, sagt sein ehemaliger Betreuer Christian Schreiber. Von zehn Angeboten habe die Ausländerbehörde ihm nur eine Tätigkeit erlaubt – die als Reinigungskraft. „Das Problem in Deutschland ist, dass es eine Aufenthaltserlaubnis gibt, aber keine Arbeitserlaubnis“, sagt Marjan – jedenfalls nicht gleich. Er lebt seit drei Jahren hier.
Trotz seines Status’ ließ sich Marjan nicht alles gefallen. Als er die 8,50 Euro, die als Stundenlohn in seinem Vertrag standen, nicht bekam, habe er seinen Chef um Antwort gebeten – zehn Tage später sei ihm gekündigt worden. „Die denken: Leute, die nach Deutschland kommen, haben keinen Verstand“, sagt Marjan: „Und Deutschland kontrolliert nicht.“
Als er 15 Jahre alt war, verließ Marjan Afghanistan. Ein halbes Jahr dauerte seine Flucht, einige Strecken ging er zu Fuß. Mit dem Boot überquerte er das Mittelmeer. „Vor Griechenland sind viele Leute gestorben“, sagt er. Als er schließlich in München war, lebte er für sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Mit sieben Männern teilte er sich dort ein Zimmer. In einer Unterkunft für Minderjährige blieb er danach mehr als ein Jahr. Tagsüber schlief er. Denn von 40 Euro Taschengeld im Monat konnte er weder eine Fahrkarte noch einen Sportverein bezahlen. Eine Ausbildung konnte er nicht beginnen, weil ihm die Genehmigung dafür fehlte. Eine junge Frau bei der Ausländerbehörde habe ihn einmal angefahren, sagt Marjan. Er solle in das Land zurückkehren, aus dem er gekommen sei, um zu arbeiten. „Da ist seit dreißig Jahren Krieg“, sagt er und krümmt seine Finger. Die hohle Hand legt er auf seine Brust. „Als ich zu Hause war, habe ich mich gefragt: Denken die, Ausländer hätten kein Herz?“ Er streicht über den Stoff seiner schwarzen Jacke, die er hinter sich auf die Couch gelegt hat: „Die habe ich seit drei Jahren.“ Wenn sein Essen bezahlt sei, bleibe nicht mehr viel für Kleidung übrig.
Einem Freund, den er aus dem Asylbewerberheim kennt, sei der Druck zu groß geworden. Marjan hebt die Arme und lehnt seinen Oberkörper langsam nach vorne: Nachdem sich sein Freund auf die Schienen gestürzt hatte, lag er im Koma. „Das ist die Seele“, sagt Marjan: „Wie soll ich hier leben? Und Afghanistan ist auch Scheiße.“ Mittlerweile habe sein Freund eine Duldung.
Marjan selbst wird im Januar endlich seine Arbeitserlaubnis erhalten. Am Abend zuvor hat er mit seinem Cousin zusammengesessen, bei dem er seit zehn Monaten wohnt. Trotz seiner sechs Kinder hatte sich der Cousin Zeit genommen, um Marjan zu raten: „Was ist eine gute Ausbildung?“ Marjan blickt hinaus. Er will sich bei der Bahn bewerben: „Fahrkarten kontrollieren.“
(SZ vom 06.12.11)