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10.12.2011

SZ vom 10.12.11

"Ich wollte, dass Elly lebt"

Die CD mit den Kinderliedern hat Fayola R. geschenkt bekommen, und nun läuft „Old McDonald had a farm“ im Wiederholmodus. Ohne die Musik könne man sich nicht unterhalten, entschuldigt sich die Mutter. Mit Musik aber sitzt Elly, ihre Tochter, gebannt im Kinderstuhl.



Und immer wieder: „Old McDonald, Old McDonald, OldMcDonald . . .“ Geduldige Mutter, starke Frau denkt sich der Gast. Und plötzlich fragt Fayola R., ob man ihre Tochter halten möchte. Der Kopf muss gestützt werden – weich ist er dort, wo die Schädelknochen nicht zusammengewachsen sind. Und die Haut ist feucht zwischen dem krausen Haar.
Hydrozephalus nennen die Mediziner die krankhafte Erweiterung des Gehirns. Wasserkopf heißt die Behinderung auf Deutsch, das hat Fayola R. schon gelernt. In Nigeria, sagt sie, hätte ihre Tochter keine Chance gehabt. Es grenzt wohl schon an ein Wunder, dass Elly die Kaiserschnitt-Geburt in einem nigerianischen Dorfkrankenhaus überlebt hat. Und dass die Mutter ihr behindertes Kind akzeptiert hat, ist alles andere als selbstverständlich. Als sie das erste Mal nach der Operation beim Duschen war, erzählt Fayola R., habe sie beim Zurückkommen unter ihrem Kopfkissen einen Zettel gefunden. Darauf stand die Telefonnummer eines Waisenhauses. Als sie auf die dezente Empfehlung nicht einging, wurde der Arzt deutlicher. „Das Öl ist ausgelaufen, aber die Flasche ist noch intakt“, habe er zu ihr gesagt. Du bist noch jung, du wirst andere Kinder bekommen, häng’ dein Herz nicht an dieses, sollte das wohl bedeuten. „So regelt man das in Afrika“, sagt Fayola R. bitter. „Aber ich wollte, dass Elly lebt.“
In ihrem Dorf allerdings hatte der Ältestenrat dafür kein Verständnis. „Du kannst bleiben, das Kind nicht“, bekam sie zu hören. Von bösen Geistern war die Rede. Ihr Mann, „der seine Tochter liebt“, habe dagegen nichts ausrichten können, sagt sie. So blieb er in Nigeria, um Geld zu verdienen. Fayola R. aber suchte Hilfe für ihre Tochter – in Deutschland, wo sie als Geschäftsfrau vor der Schwangerschaft mit Gebrauchtwagen gehandelt hatte. Sie flog nach München, fuhr zum Hauptbahnhof. „Da stand ich, kannte niemanden.“ Sie hatte Fotos von ihrer Tochter dabei, zeigte sie einem Fremden. Der Mann fuhr mit ihr zum Klinikum Dritter Orden – was Fayola R. als göttliche Fügung ansieht. Denn im Krankenhaus haben die Ärzte Elly operiert, kostenlos, am 7. September 2010. „Ihr zweiter Geburtstag“, sagt die Mutter. Wobei Steffen Leiz, der Oberarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum, klarstellt: Elly wird behindert bleiben. Aber durch die Operation habe man zumindest die Voraussetzung geschaffen, dass ihr Kopf nicht noch größer wird, dass der Druck auf das Gehirn abnimmt. In Deutschland, sagt Leiz, hätte man die Behinderung im Mutterleib bemerkt – und vor der Geburt behandeln können.
Eine Zeitlang war die Nigerianerin mit ihrer Tochter in der Notunterkunft Karla 51 untergekommen, in einem winzigen Zimmer. Wo sie jetzt wohnt, in dem Haus für Mutter und Kind an der Bleyerstraße, hat sie etwas mehr Platz. Trotzdem schläft Fayola R. auf dem Boden; ihr Bett überlässt sie ihrer Tochter. „Im Kinderbett bleibt Elly nicht, das ist zu schmal“, sagt Fayola R. und es klingt an, wie schwierig es ist, mit einem behinderten Kind in einer Unterkunft zu leben. Elly, die noch keine zwei Jahre alt ist, wiegt 16 Kilo. Die Mutter muss sie überall hin tragen. Das Zimmer liegt zwar neben der Toilette, aber das Bad ist am Ende des Ganges. Und da Elly ihr Essen oft nicht bei sich behält, müssen die beiden häufig ins Bad. „Aber ich schaffe es bald nicht mehr, sie zu tragen“, sagt Fayola R.. Auch einen neuen Kinderwagen bräuchte sie, eine Spezialanfertigung, in der sich Ellys Kopf fixieren lässt. Aber der kostet mehrere tausend Euro, unerschwinglich für die Mutter. „Ich liebe dieses Land“, sagt Fayola R., „es gibt so viele wunderbare Menschen hier.“ Dann schaltet sie die CD aus, legt ihre blinde Tochter hinunter auf die Decke. Elly versucht, sich auf den Bauch zu drehen, aber ihr schwerer Kopf fesselt sie an den Boden. „Ich wünsche mir so sehr, dass meine Tochter eines Tages laufen kann wie andere Kinder auch“, sagt die Mutter. Ein Traum.
Realistischer ist wohl noch das Zimmer mit eigenem Bad. Obwohl die Warteliste für solch ein Appartement lang ist. 322 Familien, 650 minderjährige Kinder, leben derzeit in Notunterkünften, Pensionen oder sogenannten Clearinghäusern. Weitere 2500 Familien sind beim städtischen Wohnungsamt als „besonders dringend“ vorgemerkt. Und die Not wird größer. „Der Druck auf dem Wohnungsmarkt nimmt immer noch zu und damit die Zahl derer, die rausgekickt werden“, sagt Rudolf Stummvoll, der das Amt für Wohnen und Migration bei der Landeshauptstadt leitet.
Ein eigenes Bad im Zimmer hat Maria F. zwar. Aber das ist auch schon das einzig Gute, was über das Appartement, in dem sie mit Tochter und Mann seit ein paar Tagen leben muss, zu sagen ist. Die Wände sind vergilbt, auf dem Gang ist es laut, die Klospülung des Nachbarn dröhnt in ihr Zimmer herüber. „Altbau halt“, sagt Maria F. – und zuckt mit der Schulter. Sie ist genügsam. „Für mich wäre das schon in Ordnung.“ Aber es schmerzt sie, dass ihre Tochter jetzt in einer Pension leben muss. Ohne Spielzimmer. Zu dritt in einem Raum. Und im März kommt ja auch noch das Baby.
Vor einem Jahr fing alles an. Maria F. hatte Kopfschmerzen, die Ärzte tippten zuerst auf eine Mittelohrentzündung, dann auf eine Darmgeschichte. „Ich habe darauf gedrängt, dass sie eine Computertomographie machen“, sagt die junge Frau. Danach war klar: Sie hatte einen Tumor im Hinterkopf, „pflaumengroß“. Bis dahin hatte Maria F. als Krankenschwester in einer Klinik in Bad Tölz gearbeitet. „Ich habe es geliebt, bei den Patienten zu sein“, erzählt sie. Dann kam die Operation, dann die Reha – bis heute ist Maria F. arbeitsunfähig.
Mit der Krankheit der Mutter veränderte sich das Leben der Familie komplett. Maria F. musste die Zwei-Zimmer-Dienstwohnung aufgeben, in der sie mit Mann und Tochter gewohnt hatte. Ihr Mann habe sie über Wochen gepflegt, als sie nach der Reha noch im Rollstuhl saß, erzählt Maria F. Bis dahin war er als Lkw-Fahrer tätig gewesen. Am Ende verlor auch Maria F.s Mann seine Anstellung.
Momentan wird Maria F. im Klinikum Großhadern behandelt. Ihr linker Arm ist manchmal wie gelähmt. Zwei Jahre, vielleicht auch mehr, werde die Behandlung wohl noch dauern, schätzt sie. Dass die Familie dadurch an München gebunden ist, ist ihr Problem. Anspruch auf eine Sozialwohnung haben die F.s nicht, sie wohnen noch nicht lange genug in der Landeshauptstadt. Für einige Wochen waren sie in einem Appartement der Bayerischen Krebsgesellschaft untergekommen, das eigentlich nur tageweise vergeben wird. Doch jetzt konnten sie dort nicht länger bleiben, die nächsten Patienten warteten schon.
Nun also die Pension, ein ehemaliges Hotel am Mittleren Ring. „Zumindest sind sie freundlich an der Rezeption“, sagt Maria F.. Jammern will sie nicht. Was sie aber schmerzt, sind die Kommentare, die sie sich anhören muss, wenn sie bei einem Makler anruft. Jede Woche studiert sie aufs Neue Zeitungsinserate in der Hoffnung, wenigstens eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu finden. Kaution, Provision, Miete – das Wohnungsamt würde alles übernehmen. „Doch sobald ich irgendwo anrufe und sage, dass das Amt zahlt, legt sich bei den Maklern ein Schalter um.“ Als „asoziales Gschwerl“ sei sie schon beschimpft worden am Telefon, sagt Maria F.. „Wenn ich erzählen will, dass wir eine ganz normale Familie sind, die einfach Pech hatte, hört niemand zu.“

(SZ vom 10.12.11)