Die Empfänger

„Ein bisserl was geht immer“

Die Sozialpädagogin Elisabeth Heinz von der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle in Unterschleißheim versucht, die Not von Menschen zu lindern, denen wegen ihrer Raten am Monatsende kein Geld zum Leben bleibt. Oft sind kreative Ideen gefragt, um Gläubiger zu besänftigen

Hilft in Notlagen: Elisabeth Heinz von der Schuldnerberatung in Unterschleißheim. Foto: Robert Haas

Hilft in Notlagen: Elisabeth Heinz von der Schuldnerberatung in Unterschleißheim. Foto: Robert Haas

Muss ich jetzt ins Gefängnis?“ Diese Fragen stellten viele ihrer Klienten zu Beginn des Beratungsgesprächs, berichtet Elisabeth Heinz. Die Sozialpädagogin ist seit sieben Jahren bei der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle Schleißheim-Garching der Caritas tätig. Die Frau mit den roten Haaren und den wachen Augen gibt sich kämpferisch. Nein, ein Gefängnisaufenthalt drohe nur in den seltensten Fällen. Aber sie ärgert sich darüber, dass viele Menschen zu spät zur Beratung kämen, viele seien da schon mutlos und sähen keinen Weg mehr. Dann beginnt Heinz ihre Arbeit, verhandelt, tüftelt Vorschläge aus. „Unser Ziel ist es, dass die Menschen wieder eine Perspektive haben, dass es kein Dauerzustand wird.“

  Und trotzdem kann es sich manchmal hinziehen, bis sich Lösungen abzeichnen. Heinz berichtet vom Fall einer alleinerziehenden Mutter. Sie habe jeden Job angenommen, alles versucht, aber sie war nicht vom Glück verfolgt. Die junge Frau wohnte weit draußen und bekam eine Stelle in der Stadt . Sie kündigte ihre Wohnung und präsentierte einen Nachmieter. Aber die Vermieterin akzeptierte ihn nicht. Stattdessen stand die Wohnung leer und die Vermieterin verkaufte sie. Die junge Frau musste so lange die Miete zahlen, wie der Vertrag es vorsah. Das macht Elisabeth Heinz heute noch wütend. „Sie hätte doch froh sein müssen, dass die Wohnung leer ist“, weil sie sich so leichter verkaufen lasse. Als die Mutter in die Sprechstunde kam, „war alles schon gelaufen“. Die Vermieterin hatte sich einen Vollstreckungstitel besorgt, „da kann man 30 Jahre lang auf den Schuldner zugreifen“. Deswegen fühlte sich die junge Frau verpflichtet, trotz ihres geringen Verdienstes noch etwas für die Schuldenraten abzuknapsen. Heinz versuchte, wenigstens einen Vergleich auszuhandeln, aber der Anwalt der Vermieterin habe auf stur gestellt.

  Die junge Frau hatte noch mehr Pech. Sie verlor ihre Arbeit, fand eine neue, doch der Betrieb ging in Insolvenz, ihren Lohn hat sie nie bekommen. Doch dann kam die Wende. Auch auf Anraten von Elisabeth Heinz machte sie eine Therapie und ging gleichzeitig in einen Weiterbildungskurs des Arbeitsamtes. „Wir beraten ganzheitlich, denn es hat ja keinen Sinn, wenn die Schulden weg sind und derjenige hat noch andere Probleme.“ Im Fall der jungen Frau ging es gut aus. Der Vermieter ihrer neuen Wohnung kündigte ihr, weil er das Haus verkaufen wollte. Deswegen bot er ihr eine Abfindung für den Auszug. Sie nahm das Geld und Elisabeth Heinz nutzte einen Teil davon, um diesmal doch einen Vergleich mit der früheren Vermieterin auszuhandeln. „Das war für beide eine gute Lösung“, sagt Heinz. Die junge Frau habe sich besonders gefreut, „sie ist jetzt total schuldenfrei aus eigener Kraft. Sie wollte keine Insolvenz“. Insgesamt hat sich dieser Prozess über fünf Jahre hingezogen.

  Die Sozialpädagogin ist mit den unterschiedlichsten Fällen befasst. Vom Rentner bis zum Manager nutzen Menschen die Fachkompetenz der Beratungsstelle. In jüngster Zeit seien immer häufiger jüngere Menschen darunter, „Mitte 30, psychisch sehr angeschlagen“. Viele hätten zwei Jobs gemacht, weil einer nicht zum Leben reichte. Oder aber sie haben zwei Jobs gemacht, um gut zu verdienen, und „dann sind sie irgendwann zusammengebrochen“. Die Diagnose lautet häufig Burn-out oder Depression. Aber die Schulden sind dann schon gemacht und die Inkasso-Büros stehen vor der Tür. Darauf reagierten manche in Panik. Sie versuchten, so viel wie möglich abzuzahlen, und hätten am Ende des Monats nichts mehr zu essen.

Als erstes schaut Elisabeth Heinz deswegen, dass den Leuten genügend Geld zum Leben bleibt. Kaum jemand wisse, dass es Pfändungsschutzkonten gibt. Ein Single dürfe 1073,88 Euro behalten, und wenn eine Alleinerziehende mit einem Kind 1600 Euro netto verdiene, dann könnte ein Gläubiger höchstens 60,98 Euro pfänden.

  Bei vielen ihrer Klienten biete sich auch eine Insolvenz an, gerade bei Menschen mit sehr hohen Schulden. Das bedeutet, beim Schuldner wird sechs Jahre lang der pfändbare Anteil vom Gehalt abgezogen. In bestimmten Fällen ist es auch möglich, das Verfahren auf fünf Jahre zu verkürzen. Danach ist ein Neuanfang möglich, ohne Schulden. Die Insolvenz eigne sich allerdings nicht für jeden. „Die Leute müssen mitarbeiten.“ Briefe öffnen, Termine wahrnehmen, und während der Insolvenz „ist man der gläserne Mensch“, sagt Heinz. Die Bereitschaft muss da sein, denn aus Erfahrung weiß sie: „Man kann nicht einen Hund zum Jagen tragen.“ Viele zeigten jedoch den Willen, ihre Schulden zu begleichen, koste es, was es wolle. Heinz erzählt von der Rentnerin, die eigentlich einen schönen Lebensabend vor sich hatte. Ihre Rente war ausreichend, nach dem Tod ihres Mannes kam eine kleine Witwenrente hinzu. Aber die Frau hatte sich verschuldet. „Die Bank hatte ihr in den Neunzigerjahren geraten, Steuerspar-Immobilien in Ostdeutschland zu kaufen“, sagt Heinz. Sie hatte die Wohnungen weit über Wert gekauft und vermietbar waren sie auch nicht durchgehend. Schließlich musste die Frau alles verkaufen, um die Schulden zu zahlen, auch die Wohnungen selbst, wobei sie erhebliche Verluste machte. Als sie zu Elisabeth Heinz kam, lebte sie von 282 Euro im Monat, den Rest nutzte sie für ihre Miete und die Schuldentilgung. Solche Fälle betrachtet Heinz als Herausforderung. Sie mag ihre Arbeit, gerade weil sie mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Weil sie die Interessen der Schuldner vertritt und mit den Gläubigern verhandeln muss. „Da sind kreative Lösungen gefragt.“ Für die Rentnerin handelte sie einen Kompromiss aus. Die Frau zahlt noch fünf Jahre den pfändbaren Anteil ihrer Einkünfte, auf den Rest verzichtet der Gläubiger, mit 70 ist die Frau schuldenfrei.

  Gerade bei älteren Menschen hat Heinz beobachtet, wie sie oft wegen der schmalen Rente nicht mehr ihr Leben finanzieren können und sich verschulden. „Viele haben Zusatzjobs, aber irgendwann werden sie krank oder sie schaffen es nicht mehr.“ Um über die Runden zu kommen, lebten manche „oft nur noch von Suppe“. Ihr großes Ziel: schuldenfrei zu sterben. Ein Fall für Elisabeth Hein z und ihre Kolleginnen. Sie rechnet nach, gibt, wenn nötig, auch mal einen Lebensmittelgutschein her oder schickt jemanden in die Kleiderkammer, um die größte Not zu lindern. In einigen Fällen werden auch Rechtsanwälte eingespannt. Eine kleine Menge an Geld, oft von Freunden oder Verwandten geliehen, ist dabei hilfreich, um etwas anbieten zu können. „Manchmal ist es wie ein Pokerspiel“, beschreibt Heinz ihre Verhandlungen. Selbst ein Nein sei kein Grund, um aufzugeben. Die Sozialpädagogin hat über die Jahre gelernt: „Ein bisserl was geht immer.“

SZ vom 19.12.15 von Gudrun Passarge

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