Die Empfänger

Die Angst, krank zu werden

Ilga T. ernährt ihre drei Kinder, indem sie rund um die Uhr putzen geht – jetzt will sie eine Ausbildung zur Pflegediensthelferin machen

Ilga T., hier mit ihren Jungs, würde gerne den Führerschein machen – für den neuen Job muss sie Autofahren können. Foto: Alessandra Schellnegger

Ilga T., hier mit ihren Jungs, würde gerne den Führerschein machen – für den neuen Job muss sie Autofahren können. Foto: Alessandra Schellnegger

München – Ilga T. kam zum ersten Mal nach Deutschland als Au-pair. Sie war noch nicht volljährig damals und teilte den Traum vieler junger Frauen aus dem Baltikum: Sprachen lernen, Geld verdienen, heiraten. Funktioniert hat das nur zum Teil. Die Ehe ging in die Brüche, Deutsch beherrscht Ilga T. perfekt, und das Geld, nun ja, das ist ein Kampf.

  Ilga T. geht putzen, und sie arbeitet viel. Trotzdem reicht es für sie und die drei Kinder meist gerade so. Sie achte aufs Geld, sagt T. über sich. „Ich rauche nicht, ich gehe nicht aus, und einen Besuch im Café gönne ich mir alle paar Monate.“ Vor kurzem hat sie eine Heizkostenrückerstattung bekommen, „die wollen eine Erklärung, warum wir so wenig verbraucht haben“, sagt Ilga T. „Was soll ich antworten? Ich bin halt sparsam.“ Nur vor einem habe sie Angst – krank zu werden, der Fluch der Selbständigkeit. „Wenn ich nicht zu meinen Familien gehen kann, verdiene ich ja nichts“, sagt die 36-Jährige. Eine Nierenbeckenentzündung hatte sie letzthin, lag eine Woche mit Fieber im Bett. „In der zweiten Woche habe ich mich zur Arbeit geschleppt, danach hatte ich einen Rückfall.“

  Schwierig wird es immer dann, wenn größere Ausgaben anstehen. Größer, das heißt: Die MVV-Monatskarten für zwei ihrer Söhne, die quer durch die Stadt zur Realschule pendeln müssen. Oder Schuhe für die Jungs, die zehn, elf und 14 Jahre alt sind. Die Kleidung kann sie vom Ältesten an den Jüngsten weiterreichen, und wenn die Sachen dann noch brauchbar sind, bekommt sie die Verwandtschaft in Lettland – oder Ilga T. gibt sie an Flüchtlinge weiter. „Aber Schuhe, das ist immer ein Problem. Die sind sofort aufgetragen.“

  Ilga T. würde gerne etwas ändern in ihrem Leben. Das Putzen, sagt sie, sei eine gute Möglichkeit gewesen, als alleinerziehende Mutter zu arbeiten und zugleich für die Kinder da zu sein. Sie kann sich die Zeiten ja einteilen. „Aber jetzt sind die Kinder nicht mehr klein, jetzt kann ich was lernen.“ In ihrer Heimat hatte Ilga T. Abitur gemacht, daran wird sie hier nicht anknüpfen können.

  Ihr Traum ist jetzt ein realistischer: eine Ausbildung zur Pflegediensthelferin. Das möchte sie sobald wie möglich angehen und dann bei einem ambulanten Pflegedienst arbeiten. „Ich lerne schnell“, sagt sie, „das wird schon gehen.“

  Eines wäre sehr hilfreich: Wenn sie später mal Hausbesuche macht, muss sie Auto fahren können. Doch den Führerschein zu machen, ist eine teuere Angelegenheit, das kann sich Ilga T. nicht leisten. So wenig kann sie gar nicht heizen.

SZ vom 22.12.15 von Monika Maier-Albang

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