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21.12.2011

SZ – Landkreisausgabe Ebersberg

Am Glück zerbrochen

Eineinhalb Jahre ist Paul jetzt alt. Ein süßer blonder Bub, der warm eingepackt mit roten Wangen im Garten durch den ersten Schnee tollt. Pauls Mutter Martina L. hat den kleinen, unternehmungslustigen Kerl von der Wohnzimmercouch aus im Blick. Aber mitspielen, den ersten Schneemann bauen oder Paul auf dem Schlitten ziehen – all das kann Martina L. nicht.



Wie so vieles andere auch nicht. Noch nie hat sie Paul hochheben und trösten können, wenn er hingefallen ist. Noch nie hat sie wild mit ihm getobt, ihn geknuddelt, durchgekitzelt, vor lauter Mutterglück herumgewirbelt. Statt Paul zu herzen und zu küssen oder einfach nur die Nase an der duftenden Babyhaut zu reiben, trägt Martina L. einen Mundschutz gegen Keime. Denn mit Pauls Geburt hat eine Krankheit, die sich schon während der Schwangerschaft durch Martina L.’s Körper gefressen hat, ihren ganzen Schrecken offenbart.
In den letzten Schwangerschaftsmonaten plagen Martina L. bereits schlimme Rückenschmerzen. „Die Ärzte haben mich nicht ernst genommen und gesagt, das wäre der Ischias-Nerv“, erinnert sich die zerbrechlich wirkende, blasse Frau, während sie versucht, ihren ausgemergelten Körper in eine aufrechte Position zu bringen. Dass sie sich dabei quält und ihr jede Bewegung Schmerzen bereitet, ist ihr trotz aller Bemühungen anzumerken. Wie Martina L. früher einmal ausgesehen hat – sportlich, durchtrainiert, mit frechem Kurzhaarschnitt - davon erzählen Fotos in der Schrankwand: Martina L. strahlend zwischen ihren Neffen, als überglückliche Mutter mit ihrem ersten Sohn Tim, 5, als verliebte junge Frau mit ihrem Mann Johannes. Heute trägt Martina L. ein Tuch um ihren bloßen Kopf gewickelt. Die dritte Chemotherapie hat ihr die Haare ausfallen lassen.
Noch Stunden, nachdem Paul auf der Welt war, bleiben Martina L.’s Beine taub. Zunächst haben die Ärzte den Verdacht, dass die PDA, die Rückenmarksanästhesie, Schuld sei. Doch dann wird der jungen Mutter übel, ihr Zustand verschlechtert sich. Einen Tag später wird sie nach Harlaching verlegt, wo ein Kernspin die furchtbare Gewissheit bringt: Ein Tumor hatte den neunten Wirbel zerstört. Noch am gleichen Tag wird Martina L. notoperiert. „Als ich auf der Intensivstation aufwachte, war ich querschnittsgelähmt“, sagt sie. Noch schlimmer sei aber gewesen, dass sie sich nicht um ihr Baby kümmern konnte.
Dennoch bringt die damals 31-Jährige die Kraft auf, den Ärztemarathon durchzustehen. Es stellt sich heraus, dass der Primärtumor in ihrem Oberschenkel saß und von dort aus bereits gestreut hatte. Es folgen Bestrahlung und Chemotherapie. Gleichzeitig lernt Martina L. in der Reha wieder mühsam laufen. „Man hat mir gesagt, dass es schwer werden wird.“
Auch zu Hause bricht die Welt der kleinen Familie, die sich so auf das zweite Kinde gefreut hatte, zusammen. Ehemann Johannes nimmt sich Urlaub, kümmert sich um den Großen und das Baby. Später erlaubt ihm sein Chef, seine Arbeitszeit zu reduzieren. Tim entwickelt Angstzustände. Er kann ja noch nicht mit Worten ausdrücken, was ihn so belastet. Dass die Mama nicht da ist. Dass der Papa immer traurig ist. Wenigstens Oma und Opa kommen, so oft sie nur können. Das spart Zeit bei der Haushaltshilfe, die die Familie von der Krankenkasse bewilligt bekommt – aber nur für maximal 90 Tage. „Jetzt haben wir noch elf Tage gut“, sagt Martina L., die sich – wenn überhaupt – mit einem Rollator durch das Haus bewegen kann.
Zu der Sorge, wer sich dann um die Kinder kümmert, kommt die finanzielle Not. Das Einkommen von Johannes L. ist durch die Arbeitszeitverringerung schmaler geworden. Dennoch muss die Miete für das kleine Häuschen bezahlt werden, das sich gerade jetzt für Martina L. als so praktisch erweist. Das Schlafzimmer hat ihr Mann ins Erdgeschoss verlegt. Von der Couch aus hat sie ein Auge auf die Kinder, wenn sie im Garten sind.
Selbst das ist für Martina L. eine große Anstrengung, denn die Medikamente, die vielen Sorgen: All das macht sie furchtbar müde. Trotzdem will sie sich einer weiteren, sehr aggressiven. Chemotherapie unterziehen, denn die Ärzte haben kleine Tumoren an Lunge und Leber gefunden. Wenn es ihre Blutwerte zulassen, wird sie über die Weihnachtsfeiertage stattfinden. Für Martina L. eine schreckliche Vorstellung. Halluzinationen, Übelkeit, Gedächtnisausfall – das sind nur einige Nebenwirkungen der Behandlung, die ihr Angst machen. Der Grund, woraus sie die Kraft schöpft, das alles durchzustehen, tobt ihm Garten, wo sich Tim inzwischen zu seinem kleinen Bruder gesellt hat. „Für die beiden muss ich doch leben“, sagt Martina L.

(SZ vom 21.12.11)