SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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21.12.2007

Adventskalender für gute Werke (IV)

Am Ende ihrer Kraft

Viele Alleinerziehende stoßen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit - und leben besonders in München häufig in Armut.



Von Claudia Wessel

Die Sonnenbrille seiner Frau liegt auf dem Regal. Marcel D. (alle Namen geändert) steht auf, holt sie hervor, dreht sie in den Händen und legt sie schnell wieder weg. Gerade so, als gehe von dem altmodischen Stück, das sich in einem roten Etui befindet, etwas Ungutes aus. Stattdessen nimmt er die Mappe mit den Kinderzeichnungen und bringt sie zum Tisch. Langsam schlägt er sie auf und blättert in der sorgsam in Klarsichthüllen abgehefteten Sammlung. "Was die Kinder so alles malen", sagt er geistesabwesend. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren. Ein Haus mit Himmel und Sonne. Und eine Blumenwiese, auf der steht: "Für meinen allerliebsten Papa."

Marcel D., 55, kann sich nicht mehr richtig freuen. Seit dem 14. April 2002 lebt er mit seinen Kindern allein. Isabelle, 14, und Chantal, 12, wohnen mit ihm in der Vier-Zimmer-Sozialwohnung im Münchner Norden. Der elfjährige Jean ist aufgrund seiner Entwicklungsverzögerungen im Heim untergebracht. Die große Tochter, die seine Frau einst mit in die Ehe brachte, ist kurz nach dem Tod der Mutter zum leiblichen Vater gezogen. Marcel D. meistert den Alltag - das Leben ging weiter, nachdem seine Frau an Brustkrebs gestorben war. Doch dass der einstige Sportlehrer, der seit diesem Schicksalsschlag arbeitslos ist, an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stößt, ist offensichtlich.

"Die meisten Alleinerziehenden schaffen es in beeindruckender Weise, Arbeit und Haushalt mit der Erziehungsaufgabe unter einen Hut zu bringen", sagt Johanna Kürzinger, Leiterin der Alleinerziehenden-Organisation allfa-m. "Das ist eine enorme Leistung, die große Anerkennung verdient. Werden die Belastungen zu hoch, ist Überforderung bis hin zum Zusammenbruch die Folge. Gerade Krankheit oder Schicksalsschläge können dann nicht mehr bewältigt werden."

Die Zahlen der Alleinerziehenden-Familien steigen seit Jahren, so Kürzinger. In München sind es rund 20 Prozent aller Familien, in einigen Stadtvierteln, etwa Au-Haidhausen, fast 25. Diese Familien seien sehr häufig in finanziellen Notlagen. "Zu uns in die Beratung von allfa-m kommen immer häufiger Alleinerziehende, die am Ende ihrer Kräfte sind und keinen Ausweg sehen, die oft das Nötigste nicht haben", sagt Kürzinger.

Das Armutsrisiko für Alleinerziehende liegt nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bei 34 Prozent. Sie gehörten damit zu den Gruppen mit dem höchsten Armutsrisiko. Das gelte erst recht für München. Besonders niedrig liegt in dieser reichen Stadt das Haushaltseinkommen alleinerziehender Mütter: 29 Prozent unter dem Durchschnitt. Insgesamt haben mehr als 60 Prozent der Alleinerziehenden-Haushalte in München ein Einkommen im Armutsbereich.

Lebensfreude? Fehlanzeige.

Nicht, dass Marcel D. den Haushalt nicht im Griff hätte. Alles in der sehr einfach eingerichteten Wohnung ist ordentlich aufgeräumt, die Waschmaschine läuft. Doch so etwas wie Lebensfreude strahlt der alleinerziehende Vater nicht mehr aus. Er sei schon 40 Jahre alt gewesen, als er seine Frau kennengelernt habe, erzählt der Franzose, dessen Heimatstadt Paris er damals für die Liebe verlassen hat. Gerade noch rechtzeitig für ihn, um die lange ersehnte Familie zu gründen, wie er fand. Auch er sei für seine Frau ein Glücksfall gewesen, erzählt D. Denn es war für sie nicht einfach, mit der Tochter eines anderen Mannes noch einmal von vorne anzufangen.

Schon ein Jahr nach dem Kennenlernen war das erste Kind da, das zweite und das dritte folgten in kurzen Abständen. "Manchmal fühle ich mich etwas schuldig", sagt der Mann und schaut mit seinen braunen Augen, die feucht schimmern, niedergeschlagen auf den Boden, "vielleicht war das alles zu viel für meine Frau." Seine Frau hatte sich als Heilpraktikerin selbständig gemacht, Marcel D. arbeitete als Pfleger. Eines Tages fand die Mutter der vier Kinder einen Knoten in ihrer Brust. "Sie konnte nicht darüber sprechen", erinnert sich Marcel D. an die schwierige Situation. Wenige Jahre später war sie tot.

Die Tochter aus der anderen Beziehung reagierte extrem. "Sie ließ die Rollläden herunter und wollte niemanden sehen." Weil Marcel D. nicht mehr an sie herankam, schlug er vor, dass sie zu ihrem leiblichen Vater ziehen möge. Auch Jean bereitete Probleme. "Er war zuerst in einer heilpädagogischen Tagesstätte, aber er kam dort nicht zurecht." Schließlich blieb nur noch ein Heim. Auch, weil Marcel D. alles nicht mehr schaffte.

Dass er damals, 2002, in der Probezeit einer neuen Stelle arbeitslos wurde, war sogar ein Glücksfall. So konnte er seine krebskranke Frau bis zuletzt pflegen. Er erinnert sich noch an das Ende. "Sie hatte hohes Fieber, und wir brachten sie ins Schwabinger Krankenhaus. Der Arzt sagte: Sie hat keine Chance, sie wird sterben."

Seit dem traumatischen Erlebnis hat D. nicht mehr gearbeitet. Zuerst, weil die Kinder erst acht, sechs und fünf Jahre alt waren. Dann, weil er nichts mehr fand. Inzwischen hält er es fast nicht mehr aus. "Ich bin heute nur hier, weil Sie gekommen sind", gesteht er. "Ich bin sonst den ganzen Tag, solange die Kinder in der Schule sind, unterwegs. Ich kann nicht zu Hause sitzen." In Fahrt kommt er, wenn man nach seinen Wünschen fragt. "Eine Stelle, in der ich Kontakt zu Menschen habe. Reden kann. Leute beraten, vielleicht über ein neues Produkt."

Dann sinkt er wieder in sich zusammen, als bestehe ohnehin keine Hoffnung. "Was mich belastet", sagt er, "ist, einfach so abgelegt zu werden." Und an eine Freizeitgestaltung, die schwermütige Gedanken vertreiben könnte, ist nicht zu denken. Dazu ist das Geld zu knapp. Das einzige Ziel jede Woche ist die Psychotherapie. Auch hier erlebte er jedoch einen Schock: Sein vorheriger Therapeut starb plötzlich.

"Manchmal glaube ich, es ist alles verhext", sagt er. "Gerade, wenn ich jemanden gefunden habe, stirbt er." Sogar ein Praktikum würde er machen, sagt D., Hauptsache, heraus aus der Wohnung, in der die Vergangenheit noch immer so präsent ist. Eine Arbeitsstelle für ihn, Kleider für die Kinder, das wünscht sich der Vater zu Weihnachten.

Kein Brief vom Vater - auch nicht am Geburtstag

"Dass ich Papa mal wieder sehe." So lautet der Weihnachtswunsch von Andrea, 12. Seit vier Jahren hat er sich nicht mehr sehen lassen, beklagt Mutter Katharina, 39. Nicht einmal zum Geburtstag seiner Kinder, kein Brief, kein Wort. Katharina E., die von Hartz-IV-Leistungen lebt, ist mit ihren vier Kindern alleine: Daniel, 16, Andrea, 12, Sandra, 8. Der neunjährige Patrick, der mehrfach behindert ist, lebt im Heim, kommt aber jedes zweite Wochenende und in den Ferien nach Hause. Er war auch der Grund, dass der Vater das Weite suchte, erklärt die Mutter. "Er wurde damit nicht fertig, dass Patrick behindert ist. Aber ich musste es ja auch schaffen."

Die Folge des doppelten Schocks, ein schwer behindertes Kind zu haben und vom Mann verlassen zu werden, waren Depressionen. Seit vielen Jahren nimmt Katharina E. Antidepressiva. Auch Andrea und Sandra sind nicht ganz gesund, haben epileptische Anfälle. Schon zweimal ist Andrea auf dem Fahrrad bewusstlos geworden. Inzwischen ist sie medikamentös eingestellt. Daniel löst seine Probleme auf seine eigene Weise. Er flüchtet in die Welt der Computer.

Das Geld reicht der fünfköpfigen Familie kaum zum Leben. Schon längst hätten die meisten der Möbel in der Wohnung ersetzt werden müssen. Im Schlafzimmer der Mutter hängt die Schranktür schief, im Schrank selbst sind die Bretter heruntergekracht. Der Wohnzimmertisch ist vor einigen Tagen zusammengebrochen, die Reste stapeln sich in der Abstellkammer. Im Wohnzimmer müssen ein geschenktes Zweisitzersofa und ein Sessel für alle reichen. Und ein richtiges Bett hat sowieso keiner in dieser Familie. Alle schlafen auf aufeinandergestapelten Matratzen.

Fragt man den 16-jährigen Daniel, was er sich zu Weihnachten wünsche, zuckt er nur die Schultern und sagt: "Nichts." Sich etwas zu wünschen, das ist er offensichtlich ebenso wenig gewöhnt, wie dass Wünsche in Erfüllung gehen können. "Einen MP3-Player", flüstert uns die Mutter später zu. Und eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann. Seinen Quali hat er im vergangenen Jahr mit Note gut bestanden. Und für Andrea ein Fahrrad. Aus dem Hintergrund kommt jetzt wieder die Stimme von Andrea: "Sehen wir den Papa an Weihnachten?"

(SZ vom 22.12.2007)