Zeitungsartikel

Allen Menschen im Sterben gerecht werden

Um vor dem Tod letzte Wünsche erfüllen zu können, hofft Karen Wienholt vom Hospizdienst Dasein mit Spenden einen Fonds aufbauen zu können

Maxvorstadt – Wer sich mit Karen Wienholt trifft, der redet übers Sterben und weniger über den Tod. Das ist ein Unterschied. Das eine ist ein Prozess, das andere ein Zustand und über den Prozess redet man in der Regel sehr selten. Für Karen Wienholt ist er Teil der täglichen Arbeit. „Man braucht einen gesunden Umgang mit dem Sterben, sonst kann man diese Arbeit nicht machen“, sagt sie.

  In den Räumen des Hospizdienstes Dasein in der Karlstraße nördlich des Münchner Hauptbahnhofes ist es sehr hell. Das Laminat, die Wände, das Mobilar. Nichts ist dunkel, kaum etwas wirft einen Schatten. Im Flur liegt ein großes Buch. Darin schreibt jeder Mitarbeiter ein paar Zeilen, wenn ein Mensch, den der Hospizdienst begleitet hat, gestorben ist. Manchmal ist ein Foto dabei, manchmal sind es nur ein paar Zeilen, aber zu jedem Verstorbenen steht etwas darin.

  Wienholt arbeitet seit drei Jahren für den Hospizdienst. Sie setzt sich in den beigefarbenen Sessel und erzählt. Über ihre Arbeit, und wie sie vor drei Jahren eine Idee hatte, die vor Kurzem sogar ausgezeichnet wurde. Wienholt spricht langsam und überlegt. Sie will dem Thema gerecht werden. Sterben ist nicht einfach und Sterben ist vielfältig. Wenn sie von Hausbesuchen erzählt, über Gespräche mit den Menschen, die sich an sie wenden, schiebt sie meistens den Satz hinterher: „Aber das ist bei allen Menschen unterschiedlich.“ Das sei das Wichtigste in ihrem Job: Man muss sich auf jeden Menschen neu einstellen. „An der Türklingel weiß ich nie, was mich drinnen erwartet“, sagt sie. Sie hört erst einmal zu. Empathie ist das Wichtigste. Obwohl sie selbst schon viele Menschen im Sterben begleitet hat, ist es für jede Familie und jeden Menschen ein einzigartiger Vorgang. Dem müsse sie gerecht werden. Jeder Mensch hat eine Geschichte, jeder Mensch hat andere Erfahrungen gemacht, die ihn im Leben und im Sterben prägen. Macht es einen Unterschied, ob jemand religiös ist, oder nicht? „Es hilft, wenn ich daran glaube, dass ich nach dem Tod gut aufgenommen werde“, sagt sie. Ist sie selbst religiös? „ In den Jahren habe ich meine eigene Spiritualität innerhalb meiner Religion entwickelt“, sagt sie und lächelt. Sterben die meisten Menschen zufrieden? „Das weiß ich nicht.“

  Wienholt hat eine Zusatzausbildung als interkulturelle Moderatorin, vor drei Jahren erweiterte sie den Hospizdienst um die Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund. Im November bekam der Hospizdienst dafür einen mit 2500 Euro dotierten Preis der Deutschen Hospiz- und Palliativ-Stiftung. Wienholt betreut seitdem Sterbende aller Kulturen und Herkunftsländer, viele Kroaten, Polen, Rumänen, aber auch Menschen aus Togo, dem Iran oder Indien. Als sie anfing, waren 5,6 Prozent der Menschen, die der Hospizdienst betreute, Menschen mit Migrationshintergrund, heute sind es fast 25 Prozent. Das deckt sich ungefähr mit der Bevölkerungsverteilung in München. Der Dienst besteht aus zwei Säulen. Die palliative Beratung, die medizinisch pflegerische Aspekte klärt, und einmal die psychosoziale Betreuung. Seit dem 1. November gibt es auch ein ausgegliedertes Notfallteam, dass praktisch bis zu 24 Stunden am Tag im Einsatz ist. Im vergangenen Jahr hat der Dienst 188 Patienten begleitet.

  Sterben ist bei jedem anders, und um einen Menschen aus einer anderen Kultur zu begleiten, braucht es viel Sensibilität. Wienholt kennt viele Geschichten. Wenn sie zu muslimischen Sterbenden geht, steht oft die ganze Familie um das Bett des Patienten. In Deutschland kaum denkbar. Hier heißt es, der Patient brauche Ruhe. Zudem steht im Koran, dass man für seinen Körper verantwortlich ist und alles tun soll, um ihn zu bewahren. Das sollte man wissen, wenn es um Fragen nach lebenserhaltenden Maßnahmen geht. Teilweise kämpft sie auch noch gegen ganz plumpe Vorurteile, wie bei der Krankenschwester, die Angst davor hat, dass der Muslim im Krankenbett einen Sprenggürtel umhat. Es sei erschreckend, wie viel Vorurteile die Angst vor dem Unbekannten bei Menschen auslöse, sagt sie. Wienholt lernt viel, auch, dass Sterben nicht zwangsläufig mit Trauer verbunden ist. Viele Afrikaner weinen nicht um den Toten, sondern feiern das Leben des Menschen. „Das finde ich zum Beispiel schön“, sagt sie.

  Dieses Projekt würde sie gerne weiter ausbauen. Aktuell finanziert sich der Dienst aus Zuschüssen der Stadt, der Krankenkassen und aus Spenden. Sie würde den Sterbenden gerne Leistungen bieten, die nicht über die Krankenkasse bezahlt werden. Oft wünschen sich Menschen, noch einmal vor ihrem Tod ihre Familie zu sehen. „Es wäre schön, wenn wir da einen Fonds aufbauen könnten, aus dem wir so was bezahlen könnten“, sagt sie.

  Dann steht sie aus dem Sessel auf, sie geht in den Flur und blättert in dem Buch, in dem die Mitarbeiter von den Menschen, die sie begleitet haben, Abschied nehmen. „Das hilft uns, abzuschließen. Ein Ritual, mit dem wir einen Menschen gehen lassen können“, sagt sie. Sie hat schon hunderte Menschen in ihren letzten Tagen begleitet. Wird Sterben irgendwann zur Normalität, zur Routine? „Nein, zur Routine wird es nie“, sagt sie.(SZ, 20.12.13 von MARTIN SCHNEIDER)

best essay writers

Per Überweisung spenden:
Der SZ-Adventskalender für gute Werke auf Facebook
So erreichen Sie uns:
Mail:
adventskalender@sueddeutsche.de
Telefon:
089/2183-586 oder -556
Hausanschrift:
SZ-Adventskalender Anita Niedermeier Hultschiner Straße 8 81677 München